elvis lebt in alsterdorf
Montag, 16. April 2007
elvis lebt in alsterdorf
ELVIS LEBT IN ALSTERDORF
Hamburg, April 2000

1
Meine erste Langspielplatte klaute ich aus dem Plattenschrank meines Vaters. Es war Peter Orloffs „Ein Mädchen für immer“. Ein heute längst vergessener 70-Jahre-Hit, der so schlecht war, dass er es noch nicht einmal ins Schlager-Revival der frühen 90er geschafft hat. Weihnachten 76 wünschte ich mir dann „Die schwarze Barbara“ von Heino. Und bekam sie auch.
Was für meine Eltern furchtbar gewesen sein muss, was gab es reaktionäreres als diesen „Schwarzbraun ist die Haselnuss“-singenden Barden?
Auf dem Innencover waren seine Platten abgebildet. Unzählige. Und ich wollte sie alle haben!
Ja, so hat wohl jeder so ein dunkles Geheimnis. Oder Mehrere: Achtjährig, zwar noch ohne Freundin, aber schon durchaus interessiert, küsste ich jeden Abend vor dem Schlafengehen in meinem quietschgelben Frottierpyjama ein paar meiner BRAVO-Poster, ja ich sprach sogar mit ihnen: „Schlaf gut, Marianne!“ (Rosenberg).

Doch der 16. August 1977 rettete meinen Musikgeschmack. Es war der Tag an dem Elvis starb. Und aus diesem Anlass drangen aus unserem Hitachi-Koffer-Radio, das mit der halb abgebrochenen Antenne, auf dem Biedermeier-Küchenschrank, einen Tag später seine Lieder. Pausenlos. Eine Offenbarung für mich.

2
Meine Liebe für die Musik der Fünfziger- und Sechziger-Jahre hält bis heute an und so ist es selbstverständlich, dass ich mir über zwanzig Jahre nach meiner Erweckung eine Karte für Elvis – „Live in Concert“ in der Alsterdorfer Sporthalle besorge.
Er soll ein großes Spektakel werden. Elvis selbst wird von einer hauswandgroßen Videoleinwand singen, sein Originales Orchester aus den Siebzigern dazu live spielen. Das ist natürlich alles schon ziemlich realistisch, aber ich will mehr, ich will alles, ich will direkten Kontakt zum King aufnehmen!
Da passt es ganz gut, dass ich vor ein paar Monaten begonnen hatte mit Psilocybinpilzen zu experimentieren. Und die scheinen mir genau die richtige Droge. Worauf sonst, könnte ich mir vorstellen, dass Elvis tatsächlich im hier und jetzt erscheinen wird?
Die Sporthalle liegt nur ein paar Straßen von der Irrenanstalt, in der mein Vater lehrte, entfernt.
So ist’s nicht weiter verwunderlich, dass auch ein paar geistig Zurückgebliebene dem King lauschen. Besonders einer: Schon gut Fünfzig, trägt er seine Frisur, eine pomadetriefende Tolle, bestimmt seit 1960. Und wo ich erst hin will, ist er schon lange angekommen.
Die Pilze wirken gut. Immer wieder durchfluten warme Schübe voller Glück wellenartig meinen Körper. Sie bedienen ihr 1967er-„Summer of Love“-Klischee perfekt, ich sehe irreales Zeug, psychedelische Farben und Muster, „schiebe“ also „Optiken“, wie man ich Fachkreisen sagt und ich kürzlich gelernt hatte.
Die Musik verstärkt die Wirkung noch und die Wirkung wiederum verstärkt die Musik, ein positiver Teufelskreis, der mich selig macht. Aber irgendwas fehlt. Ich kann mich durch die Musik zwar in so eine 70er-Las Vegas-Show hineinfühlen, aber der unmittelbare Kontakt zum King gelingt einfach nicht. Er ist auf der verfickten Videoleinwand und nicht hier in der Halle, bei mir, wo er sein soll, der Sack!
Der Geisteskranke steht im Mittelgang, natürlich ganz vorn. Manchmal spielt das Leben fair, kriegen diese Jungs doch immer die besten Plätze. Ich musste mich mit Reihe elf, Platz vier begnügen.
Sehnsucht glüht in seinen dunklen Augen. Flehend, hält er dem King sein Programmheft hin, spricht ihn an, bittet um ein Autogramm. Und als der nicht reagiert, laufen Tränen über die Wangen. Doch dann, ganz plötzlich, Elvis wischt sich gerade mit einem Handtuch den Schweiß vom feisten Gesicht, wirft der King das klitschnasse Handtuch in die Menge.
Und wer fängt es?
Nein, nicht der Gestörte!
Wie soll das denn gehen?!
Irgendjemand aus seinem 1973-Publikum natürlich. Der Behinderte versucht es zeitgleich zu fangen - was natürlich misslingt. Aber er trägt’s mit Fassung, ja sogar leicht amüsiert, gibt Elvis durch lässige Handbewegungen zu verstehen: „Das war nichts, mein Junge, aber das Nächste ist für mich, klar?“
Diese Szene ist rührend anzuschauen. Aber mir gelingt das nicht. Ich hasse den Stumpfsinnigen in diesem Moment regelrecht. Weil ich spüre: Ich könnte noch Kiloweise Pilze schlucken, ich wäre dem King nie so nah, wie er.

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